Sakrale Funktion, handwerkliche Perfektion und kulturhistorische Tiefe verknüpfen sich bei der Betrachtung von Kirchenglocken. „Glocken sind ein Kulturgut, es sind die ältesten Instrumente der Welt“, sagt Sebastian Schritt, Geschäftsführer des Vereins „Deutsches Glockenmuseum e.V.“ mit Sitz in Gescher. 51 Mitglieder aus dem europäischen Raum besuchten Anfang Oktober Kirchen in Steinfurt, darunter auch die Große Evangelische Kirche Burgsteinfurt.
Glockengeläut - nicht nur in der Kirche
Guido Meyer-Wirsching, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde und Dorothee Wirsching begrüßten die Gruppe. Sie vermittelten ihr sowohl historische Fakten zum Gotteshaus sowie auch zu den dazugehörigen Glocken Zwei sind modern, zwei historisch, darunter eine imposante Barock-Glocke. „Wir sind eine wissenschaftliche Vereinigung von Kampanologen, Glockenkundlern, die einmal jährlich ein Kolloquium in Gescher besuchen“, erläuterte Sebastian Schritt aus Trier. Es findet jeweils am 3. Oktober statt. Interessant für die Enthusiasten sind sämtliche Fakten und Geschichten rund um Glocken. Eine Materie, die Vielfältiger ist, als der Laie glauben mag. Wie das diesjährige Kolloquium zeigte, geht es nicht nur um das Geläut von Kirchen, auch Eisenbahnen und sogar die Oper nutzen Glocken, im letzteren Fall für dramatische Inszenierungen.
Zu Besuch in der St. Nikomedes Kirche Borghorst
Zu den Treffen gehören jeweils halb- oder ganztägige Exkursionen. „Dann suchen wir uns immer zwei Geläute aus, die historische Bedeutung haben, spannend und mit dem Bus zeitnah zu erreichen sind“, so der Vereins-Geschäftsführer. Diesmal waren Mitglieder in Borghorst und Burgsteinfurt. Sie besuchten auch die Pfarrkirche der katholischen Gemeinde St. Nikomedes in Borghorst. „Mit insgesamt acht Glocken ist dort das komplette Stifts- und Pfarrkirchengeläut noch erhalten, was eine Seltenheit darstellt“, betonte Schritt. Das Stift Borghorst war einst bis zu seiner Auflösung in 1811 ein freiweltliches, adeliges Damenstift mit einer Stiftskirche, an deren Stelle heute die St. Nikomedes-Pfarrkirche steht.
Die Reisegruppe erlebte neben der Großen Evangelischen Kirche in Burgsteinfurt auch St. Johannes Nepomuk, die nicht weit entfernt liegt. Während sich ein Teil der Gruppe von Dorothee Wirsching die Historie der Großen Kirche erläutern ließ, besichtigten weitere Gruppenmitglieder den Glockenturm, wo der Pfarrer das Geläut erklärte. Interessant ist auch immer wieder die Konstruktion von Glockenstühlen, die dermaßen beschaffen sein müssen, dass sie Vibrationen abfangen, um das Mauerwerk nicht übermäßig zu belasten.
Läutemeister Stens im Einsatz
Dem Vereinsvorsitzenden Hendrik Stens, der gleichzeitig auch Läutemeister ist, wurde die Ehre zuteil, das „Knöpfchen“ zu drücken, um das Geläut zu demonstrieren. Heutzutage werden Glocken elektrisch in Schwingung versetzt, keiner braucht sich mehr an lange Seile hängen, um das zu bewerkstelligen.
„Wenn man als Kind einmal ganz bewusst dem Klang lauschte, kommt man davon oft nicht mehr los“, versucht der Geschäftsführer die Glocken-Begeisterung zu erklären. Jedes Geläut klinge anders, das hänge mit dem Turm zusammen, indem es zu finden sei. Die Vereinsmitglieder haben unterschiedliche Forschungsschwerpunkte. Ergebnisse werden in dem alle zwei Jahre herausgebrachten „Jahrbuch für Glockenkunde“ veröffentlicht. Für manche sind etwa die Konstruktionen von Holzglockenstühlen interessant, für Sebastian Schritt sind es eher musikalische und kunsthistorische Aspekte, die ihn faszinieren. Wie klingt die Glocke eines speziellen Gießers, wie klingt eine andere, die auch von diesem Gießer gefertigt wurde? „Da gibt es insbesondere bei historischen Glocken große Unterschiede“, hebt der Vereins-Geschäftsführer hervor. Sein Fachgebiet sind Bochumer Gussstahlglocken. In Bochum vor dem Rathaus steht die zweitgrößte Glocke Deutschlands. Sie wurde 1867 von einem Unternehmen gefertigt, das mit seiner Erfindung zum Guss von Stahl die Branche revolutionierte. „Historische Geläute klingen ganz anders als moderne“, erklärt Schritt, und gerade darin liegt ein ganz besonderer Reiz.
Wissenschaftliche Arbeit im Kolloquium
Grundsätzlich wird alles erforscht, was mit Glocken zu tun hat. So gehörte zum Kolloquium beispielsweise auch ein Referat über „Husumer Glockengießer“. Wie viele Exemplare sind aus dieser Fertigung bekannt, wie viele sind noch erhalten oder wurden zerstört? „Es gibt von den Husumern noch eine erstaunlich große Zahl“, erläutert Schritt, „man muss ja auch bedenken, dass die Glocken einst bis nach Dänemark verkauft wurden.“ Der aufschlussreiche Besuch der Großen Kirche endete mit einer ökumenischen Andacht, mit der Pfarrer Meyer-Wirsching die Gäste verabschiedete.
Text: Rainer Nix

