Kirchenkreis Steinfurt Coesfeld Borken Pressemitteilung

Interview zur Zusammenlegung der Münsterland-Kirchenkreise

Drei Kirchenkreise prüfen den Zusammenschluss. Die Superintendenten erläutern den weiteren Prozess.

 

Steuern in eine gemeinsame Zukunft (v.l.): Die Superintendenten Holger Erdmann (Kirchenkreis Münster), Imke Philipps (Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken) und André Ost (Kirchenkreis Tecklenburg). Foto: Axel Gehrmann

Steuern in eine gemeinsame Zukunft (v.l.): Die Superintendenten Holger Erdmann (Kirchenkreis Münster), Imke Philipps (Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken) und André Ost (Kirchenkreis Tecklenburg). Foto: Axel Gehrmann

Die Synoden der drei Kirchenkreise Münster, Steinfurt-Coesfeld-Borken und Tecklenburg haben beschlossen, zu prüfen, ob die drei Kirchenkreise künftig zu einem einzigen vereinigt werden sollen. Was bedeutet das für die drei Kirchenkreise, wie geht es jetzt weiter, und welche Zeitvorstellungen gibt es für den Prozess? Darüber sprach Gerd Felder mit Superintendentin Imke Philipps (Steinfurt-Coesfeld-Borken), Superintendent André Ost (Tecklenburg) und Superintendent Holger Erdmann (Münster).

Was bedeutet die künftige Zusammenlegung für Ihren jeweiligen Kirchenkreis?

André Ost: Das Gestaltungsraum-Thema durchzieht schon meine ganze Amtszeit. Die Zusammenarbeit zwischen unseren drei Kirchenkreisen ist ja bereits durch die Eröffnung unseres gemeinsamen Kreiskirchenamtes in Münster verstärkt worden, die mehr ist als „nur“ Verwaltung. Die Zusammenlegung war damals noch nicht eigentliches Thema, aber ein durchaus vorstellbares Ziel. Inzwischen hat die gemeinsame Verwaltungsarbeit sich konsolidiert, und wir haben immer nach weiterreichenden Kooperationen Ausschau gehalten. Jetzt ist die Vereinigung ein naheliegender Schritt. Für die Verwaltung ist es nämlich nicht leicht, mit drei selbständigen Systemen zu tun zu haben. Inzwischen ist der Erkenntnisprozess in unseren drei Kirchenkreisen gewachsen, dass wir uns den großen Herausforderungen der Zukunft stellen müssen: Weniger Finanzkraft, weniger hauptamtliches Personal, weniger Gemeindeglieder. In unserem Tecklenburger Kirchenkreis gab es schwierige Diskussionen und auch einige Widerstände gegen die Vorstellung einer Zusammenlegung und zuletzt auch Gegenstimmen in der Kreissynode. Das hat mit der Angst vor der als unüberschaubar empfundenen Größe eines neuen Kirchenkreises sowie der Furcht vor Identitätsverlusten und der Liebe zu kleinen Einheiten zu tun. Doch kleine Strukturen tragen nicht mehr lange. Die Entwicklungen der nächsten Jahre sind so gravierend, dass wir an der Zusammenlegung nicht vorbeikommen.

Holger Erdmann: Wir haben alle das Gefühl: Gemeinsam sind wir stärker. Wir müssen nämlich erkennen, dass die Kirche eine ganz veränderte Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung spielt. Wenn wir als evangelische Kirche noch wahrgenommen werden wollen, ist es am besten, wenn wir die Kräfte bündeln. Im Kirchenkreis Münster höre ich allerorten, dass Kolleginnen und Kollegen sich auf den Zusammenschluss freuen; bei uns war der Beschluss der Kreissynode einstimmig. In unseren Kirchengemeinden sind wir in einem parallelen Prozess, weil sich zum Teil drei bis sechs bisherige Kirchengemeinden in den nächsten Jahren zu drei zusammenschließen werden. Derzeit wird also an allen Schrauben der Veränderung gedreht, und wir müssen Prozesse gleichzeitig gestalten. Aber leider geht das in unserer Zeit nicht anders.

Imke Philipps: Unsere Kreissynode hat im Juni für den Prüfauftrag zur Zusammenlegung der Kirchenkreise gestimmt. Ich bin gerade erst eingeführt worden. Für mich beginnt damit eine neue gemeinsame Aufgabe. Drei Kirchenkreise bringen unterschiedliche Erfahrungen, gewachsene Strukturen und eigene Stärken mit. Es ist eine Chance, dass etwas gutes Neues entsteht, wenn wir diese Erfahrungen miteinander verbinden und gemeinsam nach vorn schauen.

In welchen Bereichen werden Sie denn künftig besonders zusammenarbeiten?

Holger Erdmann: Wir werden in allen Bereichen Zusammenarbeit haben. Es soll zum Beispiel nicht mehr dreimal Jugendarbeit und dreimal Erwachsenenbildung geben, sondern alles nur noch einmal. Wir müssen sehen, wie wir das gut miteinander verschränken können, haben aber eine lange Tradition darin. In der Notfallseelsorge, in der Prävention und beim Diakonischen Werk arbeiten wir schon zusammen, teils zu dritt, teils zu zweit. Wir starten also nicht bei Null, sondern haben uns in den letzten Jahren schon bemüht, Dinge gemeinsam zu tun, die man gemeinsam machen kann. Es ist ein großes Pfund, das wir jetzt einbringen können.

André Ost: Wir planen einen körperschaftlichen Zusammenschluss, in den alle Arbeitsbereiche eingehen. Unter anderem kommen die Friedhöfe, eine Förderschule und die Jugendbildungsstätte in den gemeinsamen Pool. Das braucht eine gemeinsame Strategie und Gestaltung. Der Gestaltungsraum ist aber längst schon mit Leben gefüllt und eine definierte Größe.  Das ist sozusagen eine Hülle, die nur darauf wartet, gefüllt zu werden. Von den elf Gestaltungsräumen in Westfalen sind noch nicht alle so weit wie wir.  Dieser Gestaltungsraum ist bei uns grundsätzlich noch nie in Frage gestellt worden, man hat also noch nie überlegt, ob der Kirchenkreis Tecklenburg auch woanders hingehören könnte. Im Jahr 2024 hat bereits ein Strategieprozess für unsere gemeinsame Kindertagesstätten-Arbeit begonnen; da ist schon sehr viel vorgedacht worden. Wenn wir die drei Kirchenkreise zusammenlegen, haben viele das Gefühl, dass zusammenkommt, was auch zusammenpasst und zusammengehört.

Imke Philipps: Aus meiner Sicht kommt es vor allem auf die persönliche Zusammenarbeit an. Ein neuer Kirchenkreis entsteht nicht allein durch neue Strukturen. Kolleginnen und Kollegen aus den drei Kirchenkreisen müssen miteinander vertrauensvoll zusammenarbeiten. In manchen Arbeitsbereichen gelingt das schon sehr gut. Diese Erfahrungen können uns helfen, auch in anderen Bereichen gute Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln.

Gibt es schon zeitliche Vorstellungen? Wann soll der Zusammenschluss vollzogen werden? Und gibt es Zwischenschritte?

André Ost: Die Steuerungsgruppe hat begonnen, sich damit zu beschäftigen und die kirchenrechtlichen Rahmenbedingungen zu klären und vorauszudenken. Wie schnell können wir sein? Das Jahr 2029 steht als Arbeitshypothese im Raum, und wir versuchen das zu erreichen. Bis zu den Sommersynoden 2027 gibt es einen Prüfauftrag: Bis dahin soll sich klären, wie die Vereinigung aussähe und wie der gemeinsame Kirchenkreis geleitet werden kann.

Holger Erdmann:  Im Jahr 2028 sind die nächsten Kirchenwahlen, und alles wird neu konstituiert. Durch landeskirchliche Erprobungsgesetze könnte man aber die kreiskirchlichen Wahlen um ein Jahr verschieben.

Imke Philipps: Entscheidend ist, dass wir den Prozess transparent gestalten und die Presbyterien von Anfang an beteiligen. Es braucht Raum für Fragen, unterschiedliche Perspektiven und auch für Bedenken. Die Entscheidungen sollen nachvollziehbar sein und gemeinsam getragen werden.

André Ost: Letztlich muss eine gewisse Einmütigkeit da sein. Wenn aus den Kirchengemeinden ein disparates Bild kommt, gibt es am Ende einen Beschluss der Landessynode, so wie es in Siegen-Wittgenstein geschehen ist. Niemand darf sich überfahren fühlen.

Wo wird letztlich der Sitz des neuen Kirchenkreises sein, und wird es eine Leitungsperson geben?

Holger Erdmann: Das ist noch keine ausgemachte Sache. Es gibt heute neue Leitungsmodelle, und ich persönlich halte es für unwahrscheinlich, dass wir nur eine Leitungsperson haben werden, die dem neuen Kirchenkreis vorsteht. Auf jeden Fall wird über eine Superintendenten-Doppelspitze nachgedacht; ich halte das für einen angemessenen Weg. Auch habe ich es bereits abgelehnt, dem künftigen Kirchenkreis als alleinige Leitungsperson vorzustehen. Zudem ist die Leitung des Kirchenkreises Steinfurt-Coesfeld-Borken gerade mit Imke Philipps erst wiederbesetzt worden. Vor allem aber ist zu bedenken, dass wir sowohl von der Fläche als auch von der Gläubigenzahl her der größte Kirchenkreis in Westfalen sein werden, und die Entfernungen werden groß.

André Ost: Mit Sicherheit wird der künftige Kirchenkreis am Ende eine Postadresse haben. Münster als Sitz des Kirchenkreises ist in räumlicher Nähe zum Kreiskirchenamt naheliegend, aber es darf nicht der Eindruck entstehen, dass von Münster aus die ganze Fläche aufgesogen wird. Wir werden ein gemeinsames neues Ganzes bilden und bleiben nicht in der früheren Eigenständigkeit. Trotzdem wird sich die Regionalität entsprechend abbilden müssen.  

Holger Erdmann: Die Diskussion über den Sitz der neuen gemeinsamen Verwaltung hat vor Jahren Menschen verletzt. Den Prozess, der damals dazu geführt hat, müssen wir mitbedenken. Außerdem weise ich immer darauf hin, dass auch der Kirchenkreis Münster selbst nicht nur aus Münster besteht, sondern auch aus vielen Landgemeinden, die deutlicher vorkommen müssen. Diese Perspektive verliere ich nicht aus den Augen, weil ich selbst 17 Jahre lang Pfarrer auf dem Land gewesen bin.  Letztlich wird der neue Kirchenkreis ein ländlich geprägter Kirchenkreis mit einer gewichtigen Fläche sein. Und es ist ziemlich sicher, dass er nicht „Kirchenkreis Münster“ heißen wird.

Gibt es noch einen wichtigen Aspekt, den Sie in Verbindung mit dieser großen Veränderung erwähnen wollen?   

Holger Erdmann: Ja, etwas ganz Wichtiges: Für das „normale Gemeindeglied” wird sich nicht viel ändern. Für dieses ist die übergeordnete Struktur mutmaßlich nicht unmittelbar relevant. Alle, die an kirchlicher Arbeit aber viel Interesse haben, können durch die neue Struktur ganz viel gewinnen. Für mich ist das Musterbeispiel das derzeitige Großprojekt „Betlehem“, an dem 1200 Sängerinnen und Sänger mitwirken und für das schon ganz viele Karten verkauft worden sind. Das ist ein Paradebeispiel dafür, wie wir Leute gewinnen können und was man gemeinsam stemmen kann.

Imke Philipps:  Wichtig ist, dass bei allen strukturellen Veränderungen die Gemeinden vor Ort im Blick bleiben. Kirche lebt davon, dass Menschen einander kennen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam etwas gestalten. Ein größerer Kirchenkreis schafft neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Gleichzeitig braucht es überschaubare Orte, an denen kirchliches Leben konkret stattfindet und Gemeindeglieder ihre Kirche als ihre Kirche erleben.

Holger Erdmann: Dass die Verantwortlichen in der Kirche von den „normalen“ Gläubigen weit weg sind, ist ja dank der modernen Medien nicht der Fall. Sie vermitteln ein Gefühl von Nähe, das früher so nicht möglich war. Dienstlich erledige ich vieles über Whatsapp und Mobiltelefon. Vor allem seit der Corona-Pandemie hat sich da vieles eingespielt, was den Eindruck von Nähe herstellt. Und da wir in der Kirche immer weniger Hauptamtliche haben, brauchen wir Synergieeffekte zugunsten des großen Ganzen. Indem wir künftig eine neue Ebene der Zusammenarbeit und Leitung schaffen, setzen wir auch Kräfte frei. Wenn der künftige KSV nur noch acht bis zehn Mitglieder zählt statt bisher insgesamt 28, können 18 Menschen etwas anderes tun und der Verkündigung der guten Botschaft des Evangeliums dienen. Wir haben den Menschen viel zu geben, und darauf kommt es letztlich an. Deshalb sollten wir unser neues „Betriebssystem“ mit einer neuen Ebene der Zusammenarbeit und Leitung so schnell wie möglich aufstellen.