Kirchenkreis Steinfurt Coesfeld Borken Pressemitteilung

Pilgern für den Frieden: Erste Etappe führte von Osnabrück nach Hasbergen

50 Pilgernde waren gemeinsam unterwegs

Der Weg führte über Wiesen und Felder. Foto: K. Kuhn

Das Organisationsteam am Bahnhof von Hasbergen, v.l.: Johannes Sabel, Ludger Hiepel, Philipp Brockkötter, Simone Pelikan, Mouhanad Khorchide, Amina Kišić, Esther Brünenberg-Bußwolder. Foto: K. Kuhn

Mouhanad Khorchide (in schwarz) spricht am Mahnmal Alte Synagoge. Foto: M. Knorr

„Pilgert ihr auch für den Frieden?“, fragt eine Frau am Bahnsteig des Osnabrücker Hauptbahnhofs. Wanderstöcke in der Hand, Funktionskleidung am Körper, ist sie offensichtlich für eine längere Strecke gerüstet. Wenig später wird sie Teil einer Gruppe von rund 50 Menschen sein, die sich an diesem Sonntagmorgen gemeinsam auf den Weg macht: auf die erste Etappe der Interreligiösen Pilgertour auf der Route des Westfälischen Friedens.

Erste von sechs Etappen

Rund elf Kilometer liegen vor den Pilgernden, bevor sie Hasbergen erreichen. Insgesamt sechs Etappen umfasst das interreligiöse Pilgerprojekt, das von Muslimen, Jüdinnen und Christen aus dem Münsterland initiiert wurde. Beteiligt sind Menschen aus der jüdischen Gemeinde Münster, der Islamisch-Theologischen Fakultät Münster, dem Bistum Münster, dem Evangelischen Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken, der Stadt Münster und der Universität Münster.

Die Route führt über einen historischen Weg. 1648 beendete der Westfälische Frieden den Dreißigjährigen Krieg. Er gilt als erster Verhandlungsfrieden der Geschichte und setzte einen Schlusspunkt unter die Religionskonflikte seiner Zeit. Die Gesandten reisten damals über Jahre zwischen Münster und Osnabrück hin und her – mit Kutschen und zu Pferd.
378 Jahre später sind wieder Menschen auf dieser Strecke unterwegs. „Wo Frieden Wege findet“ lautet der Titel des Projekts. Dahinter steht die Überzeugung, dass Frieden kein gottgegebener Zustand ist, sondern eine Aufgabe – und damit ein Weg. „Frieden entsteht, wenn Menschen aufeinander zugehen, einander zuhören, Unterschiede respektieren und Brücken bauen“, sagt Esther Brünenberg-Bußwolder, die die Gesamtleitung des Projekts innehat.

Die Frau vom Bahnsteig wird später erzählen, dass Frieden ihre Mission sei und sie deshalb mitpilgere. Ein Mann aus dem Tecklenburger Land erinnert sich an seine erste und bislang einzige Pilgertour in den 90er-Jahren. Damals war er mit einer großen Gruppe Jugendlicher mehrere Tage zur Schwarzen Madonna von Tschenstochau unterwegs. Dass Menschen heute gemeinsam über religiöse Grenzen hinweg miteinander sprechen, findet er gerade in diesen Zeiten wichtig: Es gehe darum, Verständnis füreinander zu entwickeln.

Pilgern ist Akt des Friedens

Vom Hauptbahnhof geht es zunächst mit schnellen Schritten zum historischen Rathaus. Im Friedenssaal begrüßt Luger Hiepel, Antisemitismusbeauftragter der Universität Münster, die 50 Pilgernden. Carsten Niemeyer stellt im Namen der Stadt neben Informationen zum Westfälischen Frieden zwei konkrete Projekte vor, die sich für den Frieden einsetzen. Der Runde Tisch der Religionen sorgt dafür, dass die verschiedenen Religionsgemeinschaften miteinander im Gespräch bleiben. Außerdem schickt die Stadt regelmäßig Jugendliche in die Partnerstädte Çanakkale in der Türkei und Angers in Frankreich, um den kulturellen Austausch zu fördern.
Für Erheiterung sorgen die Schilderungen von Philipp Brockkötter vom Friedensbüro Münster über den Zustand der Friedensroute zur Zeit des Westfälischen Friedens. Er zitiert aus dem Bericht eines Boten des Papstes, der die Strecke als katastrophal beschreibt: „Die Straßen sind keine Wege, sondern Flüsse aus Schlamm. Die Pferde versinken so tief, dass sie eher schwimmen als gehen, und die Kutschen drohen im bodenlosen Morast zu ertrinken.“
Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspolitik an der Universität Münster und einer der Organisatoren der Pilgertour hat sich mit dem Projekt einen Herzenswunsch erfüllt. „In allen Religionen pilgern die Menschen“, sagt er. „Bevor ein Mensch Frieden finden kann, muss er Frieden in sich selbst finden.“ Er verweist auf die Haddsch, die islamische Pilgerfahrt nach Mekka, und zitiert aus dem Koran: „Wer sich zur Pilgerfahrt entschließt, der erhalte sich der Zügellosigkeit, allen Frevels und allen Streitens während der Pilgerfahrt.“ Pilgern sei deshalb schon immer auch ein Akt des Friedens gewesen, betont Khorchide. „Unsere Gesellschaft zerfällt zunehmend in Lager“, sagt er. Das interreligiöse Pilgern sei ein Gegenentwurf. Beim Pilgern schaue man in dieselbe Richtung, beim gemeinsamen Gehen entstehe Vertrauen.

Von der Stadt hinaus aufs Land

Bevor sich die Gruppe auf den Weg macht, sprechen Mouhanad Khorchide, Simone Pelikan von der jüdischen Gemeinde und Esther Brünenberg-Bußwolder vom Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken ein Segensgebet. Anschließend führt der Weg zum Mahnmal Alte Synagoge, zur Kirche St. Katharinen und zur neuen Synagoge, bevor die Gruppe die Stadt verlässt.

Am Waldrand gibt Johannes Sabel vom Bistum Münster den Pilgernden noch einen Gedanken mit auf den Weg: „Wenn wir uns mit dem Frieden beschäftigen, können wir der Frage nach Gott nicht ausweichen. Die Natur kann uns erahnen lassen, dass es etwas gibt, das größer ist als wir.“
Dann geht es hinein in den Wald, Richtung Gaste und weiter nach Hasbergen. Gespräche wechseln sich mit Momenten der Stille ab. Immer wieder werden kurze Impulse von Vertretern der drei Religionen vorgelesen. Sie laden dazu ein, innezuhalten und nachzudenken.
Am Nachmittag erreichen die Pilgernden schließlich Hasbergen. Die erste Etappe der interreligiösen Pilgertour ist geschafft. Was bleibt, sind viele Gespräche, neue Begegnungen und die Erfahrung, ein Stück des Weges gemeinsam gegangen zu sein.

So geht es weiter

Die nächste Etappe führt am 15. November auf 12 Kilometern von Hasbergen nach Natrup-Hagen. Anmeldung und Info unter ev-eb.de oder st-bildung@ekvw.de

Informationen über das Projekt finden Sie hier: https://www.uni-muenster.de/Interreligioeses_Pilgern_2026-27/