Seelennahrung: Impuls für jeden Monat

Der Impuls von April 2026  stammt von Dr. Esther Sühling, Prädikantin, Billerbeck

Ostern im Alltag

Für mich war die Vorstellung von der Auferstehung lange einfach etwas, das dazugehört – so wie man eben glaubt, wenn man christlich aufgewachsen ist. Ich habe das nicht groß hinterfragt, es war Teil des Hintergrundrauschens meines Lebens. Dann kam eine Zeit, in der ich innerlich schwankte, vielleicht so wie viele von uns es irgendwann tun – aber das ist eine andere Geschichte und sie soll ein andermal erzählt werden.

Eines Tages stand ich mit einer Krebsdiagnose plötzlich vor der Möglichkeit, dass mein Leben schneller zu Ende gehen könnte, als ich es mir je ausgemalt hatte. In diesem Moment hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Diese Mischung aus Angst, Schock und dem Gefühl, dass alles ins Rutschen kommt – und ich merkte, wie mir der Boden wirklich weggezogen wurde, nicht nur als Wort, sondern als körperliches Gefühl. Und plötzlich verstand ich etwas von der inneren Not der Menschen, die so eine Diagnose bekommen und nicht wissen, wie viel Zeit ihnen bleibt. Ich fragte mich: Warum jetzt? Was nun? Was ist, wenn ich es nicht überstehe? Ist dann alles vorbei?

In dieser Zeit wurde mir etwas bewusst, das ich vorher nie wirklich gebraucht hatte: der Gedanke, dass Jesus uns als erster durch die Auferstehung vorausgegangen ist. Als erster. Wir folgen dem. Mit dem Tod ist es eben nicht vorbei.
Das war für mich nicht eine abstrakte Theologie, sondern etwas, das mich gehalten hat. Es hat mir geholfen, die Therapien durchzustehen, und es hat mir erlaubt, mich dem Leben wieder zuzuwenden, weil ich innerlich begriff: Der Tod ist nicht das Ende meiner Geschichte.

Jetzt, an diesem Ostern, habe ich die Texte wieder gelesen, und plötzlich fiel mir etwas auf, das ich früher kaum wahrgenommen habe.
Die ersten, die Jesus begegnen, sind Frauen – Frauen, die als Gruppe am Rand standen, die man nicht als glaubwürdige Zeuginnen ernst nahm, die keine Macht hatten und oft übersehen wurden. Und genau sie werden angesprochen, beauftragt, losgeschickt. Sie sind die Ersten, denen das Neue anvertraut wird. Lange wurde in der Kirche so getan, als wären Frauen nicht wichtig. Aber dort, in der Bibel, steht es anders. Manchmal denke ich: Ich könnte mir davon heute noch etwas abschneiden – dieses Vertrauen, gemeint zu sein, etwas weitergeben zu dürfen, ohne sofort wieder an mir zu zweifeln.

Und dann diese andere Szene, die mich nicht loslässt: Die Jünger und Jüngerinnen sollen nach Galiläa gehen. Nicht in Jerusalem bleiben, nicht im religiösen Zentrum und im Zentrum der Macht, nicht dort, wo alles wichtig und heilig und groß ist. Sondern zurück nach Galiläa. Dorthin, wo alles angefangen hat. Dorthin, wo das Leben einfach weitergeht – die Fischerboote, die Werkstätten, die staubigen Wege, der Alltag. Ich habe mich gefragt: Warum ausgerechnet dorthin?
Vielleicht, weil das Entscheidende oft genau dort geschieht, wo nichts Besonderes erwartet wird – mitten im normalen Leben.

Und vielleicht ist es genau das. Dass das Entscheidende nicht im Besonderen passiert, sondern im Gewöhnlichen. Dass man das, was trägt, nicht erst in den großen Momenten findet, sondern mitten im Leben, zwischen Terminen, zwischen Sorgen, zwischen Hoffnungen.

Vielleicht ist das für mich Ostern: dass Gott nicht nur im Besonderen wohnt, in Todesnot, sondern auch und besonders im ganz Gewöhnlichen. Dass das Leben weitergeht, auch wenn ich noch nicht genau weiß, wohin. Und dass ich im Alltäglichen Momente finde, die mich leise tragen – wie ein Regenbogen, der plötzlich da ist, ohne dass ich ihn gesucht habe, und der mich daran erinnert, dass hinter dem Alltag noch eine andere Wirklichkeit liegt.