Unter dem Titel „Zwischen Klick und Haltung“ beschäftigt sich das Soziale Seminar Dülmen 2026 an drei Abenden im Januar mit dem Einfluss von sozialen Medien und Künstlicher Intelligenz auf (politische) Meinungsbildung und öffentliche Debatten.
Am 19. Januar diskutierten Dr. Dirk Zeuner (Regionale Schulberatungsstelle), Leon Seyock (Leiter Online-Angebot der Allgemeinen Zeitung) und Safa Al Hayek (Amnesty International Coesfeld/Dülmen) über den Einfluss von sozialen Medien und KI auf die Meinungsbildung. Die Moderation übernahm Dörthe Schilken. Die Veranstaltung konnte auch online über youtube verfolgt werden.
Positive Aspekte sozialer Medien
Soziale Medien ermöglichen eine schnelle und niederschwellige Meinungsäußerung. Safa Al Hayek stellte fest, dass insbesondere junge Menschen heute deutlich früher und häufiger eine eigene Haltung zu gesellschaftlichen Themen entwickeln als früher. Über Likes, Kommentare, Weiterleitungen und Reposts treten sie in Austausch, solidarisieren sich und verbreiten Inhalte weit über ihren unmittelbaren Freundeskreis hinaus.
Auch für journalistische Medien bieten soziale Netzwerke große Chancen. Leon Seyock berichtete, dass einzelne Beiträge der Allgemeinen Zeitung Reichweiten von bis zu 70.000 Aufrufen erzielen. So würden Menschen auf journalistische Inhalte aufmerksam, die sonst keinen direkten Zugang zur Zeitung hätten. Soziale Medien fungierten damit als Türöffner für faktenbasierte Informationen. Ziel bleibe es, Leserinnen und Leser zur eigenen Meinungsbildung zu motivieren. Kommentarfunktionen und Leserbriefe machten zudem unterschiedliche Sichtweisen sichtbar.
Dr. Dirk Zeuner verwies darauf, dass soziale Medien durch ihre emotionale Ansprache Menschen erreichen können, die über klassische Formate kaum angesprochen werden. Konkrete Einzelfälle und persönliche Geschichten könnten Empathie erzeugen und gesellschaftliche Themen greifbar machen.
Negative Aspekte sozialer Medien
Den positiven Entwicklungen stehen aber auch Risiken gegenüber. Dr. Dirk Zeuner machte deutlich, dass Algorithmen sozialer Medien nicht auf Vielfalt, sondern auf Aufmerksamkeit ausgelegt sind. Nutzerinnen und Nutzer bekommen vor allem Inhalte angezeigt, die ihre bisherigen Ansichten bestätigen. Kontroverse und differenzierte Perspektiven verschwinden zunehmend aus dem Blick.
Ein zentrales Problem sei der wachsende Selbstinszenierungsdruck. Vor allem Jugendliche – aber auch Erwachsene – gerieten unter Druck, mit idealisierten Darstellungen in sozialen Medien mitzuhalten. Nicht mehr das Erleben selbst stehe im Vordergrund, sondern dessen öffentliche Inszenierung. Dies führe zu Vergleichen, Unsicherheiten und teils riskantem Verhalten. In der Beratungsarbeit zeige sich zudem eine Zunahme von Cybermobbing, Ausgrenzung und Hasskommentaren, die durch Anonymität begünstigt würden.
Leon Seyock warnte eindringlich vor der Verbreitung von Fake News. Emotionalisierte und reißerische Inhalte verbreiteten sich besonders schnell und ersetzten sachliche Auseinandersetzung. Verschwörungstheorien, etwa während der Corona-Pandemie, hätten sich vor allem über soziale Medien etabliert. Wer sich einmal in solchen Denkweisen verfangen habe, sei für faktenbasierte Argumente oft kaum noch erreichbar.
Safa Al Hayek berichtete von ähnlichen Dynamiken in der Menschenrechtsarbeit. Nach der Veröffentlichung eines Berichts von Amnesty International über Völkerrechtsverletzungen der Israelischer Armee, gab es Kommentare, dass Amnesty rassistisch sei. Algorithmen verstärkten diese Kommentare zusätzlich, indem sie Nutzenden immer mehr gleichgerichtete Inhalte ausspielten. Lautstärke werde dabei häufig mit Mehrheitsmeinung verwechselt – verstärkt auch durch den Einsatz von Bots.
Ein weiteres Problem sei die starke Vereinfachung komplexer Themen. Häufig gebe es nur noch „dafür oder dagegen“, Zwischentöne gingen verloren. Differenzierte Stellungnahmen würden kaum noch wahrgenommen – eine Entwicklung, die auch von politischen Akteuren gezielt genutzt werde.
Verantwortung und Umgang
In der Diskussion über Hate Speech und Cybermobbing wurde deutlich, wie schwierig der Umgang mit entgleisenden Debatten ist. Leon Seyock betonte, dass Moderation notwendig sei, der Vorwurf der Zensur jedoch schnell erhoben werde. Dr. Dirk Zeuner riet Betroffenen, sich im Zweifel auch aus digitalen Räumen zurückzuziehen, um sich zu schützen.
Verbote, etwa Altersbeschränkungen für soziale Medien, sahen die Diskutierenden kritisch. Stattdessen sprachen sie sich für mehr Begleitung, Medienkompetenz und Verantwortung aus – bei Eltern, Schulen, Plattformen und der Gesellschaft insgesamt. Kinder und Jugendliche müssten lernen, digitale Inhalte kritisch einzuordnen und problematische Erfahrungen anzusprechen.

