Kirchenkreis Steinfurt Coesfeld Borken

Premiere für QueerGottesdienst in Billerbeck

Mutmachend, persönlich, bunt

Ein Blick in den Gottesdienstraum: Prädikantin Esther Sühling sprach in ihrer Predigt davon, dass Anderssein kein Makel, sondern ein Geschenk ist. Foto: M. Knorr

„Ich bin überwältigt, dass so viele Menschen gekommen sind!“ – mit diesem Ausruf eröffnete Katrin Ring den ersten QueerGottesdienst im Westlichen Münsterland. Über 50 Menschen waren ins Evangelische Kirchenzentrum zum Guten Hirten nach Billerbeck gekommen. Und schon da war klar: Das hier wird kein steifer Sonntagnachmittag.

Bereits eine Stunde vor dem offiziellen Beginn hatte das Vorbereitungsteam zu Kaffee und Keksen eingeladen. Ein lockeres Ankommen, erste Gespräche, neugierige Blicke, viel Lachen – viele nahmen das Angebot gern an und blieben. Die entspannte Stimmung zog sich durch den ganzen Gottesdienst.

Katrin Ring und ihr Mann Thomas sind Pfarrpersonen im Evangelischen Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken und seit vorletztem Jahr Ansprechpersonen für queersensible Seelsorge. Gemeinsam mit Dagmar Spelsberg-Sühling, Esther Sühling, Tobias Volkmer, Lea Becker, Tanja Vermöhlen, Sophie Schwarz und Dorina Meier hatten sie diesen besonderen Gottesdienst vorbereitet. Die Überschrift lautete: „zusammen, heilig, bunt“.

Und genauso fühlte es sich an. Es wurde viel gesungen, viel gesprochen – und zwischendurch auch herzlich gelacht. Für die Musik sorgten die Kanzelschwalben aus Gescher. Die Lieder machten Mut („So, wie du bist – hab Mut!“) und erinnerten daran, dass Gott jeden Menschen so liebt, wie er ist („Du bist gesegnet, ein Segen bist du“, „Du bist ein Gott, der mich anschaut“). Dazwischen war Raum für persönliche Statements: Es ging um Ängste, um Mobbing, um sexistische Kommentare und um Vorurteile, die verletzen. Gleichzeitig wurden auch andere Geschichten erzählt – von guten Erfahrungen in queeren Gemeinschaften, von Solidarität und von Momenten, in denen Menschen füreinander eingestanden und einander geholfen haben.

Thomas Ring las das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter – allerdings in einer ungewohnten Variante. Die Geschichte wurde genderneutral erzählt, ohne feste Zuschreibungen. Eine Person wird überfallen, andere gehen vorbei, doch ein Mensch, der fremd ist, hilft. Die Botschaft ist klar und direkt: „Mach’s genauso – hilf den Menschen.“

Anschließend lud Prädikantin Esther Sühling dazu ein, sich zu zweit über eigene Erfahrungen auszutauschen: über Situationen, in denen man sich ausgegrenzt oder abgewertet gefühlt hatte – und darüber, ob Hilfe da war oder eben nicht.
In ihrer Predigt verband Sühling diese Erfahrungen mit ihrer Arbeit als Psychotherapeutin. Oft, so sagte sie, sei nicht nur das schlimme Ereignis selbst traumatisch, sondern vor allem die Erfahrung, dass niemand geholfen habe. Auch die Samariter seien eine Randgruppe gewesen – gläubig, aber „komisch“. Vielleicht habe gerade diese Erfahrung des Ausgegrenztseins den Samariter dazu gebracht, hinzusehen und zu helfen. Im Raum wurde genickt. Anders zu sein, so Sühling, sei kein Makel, sondern ein Geschenk: „Unsere Wunden und unsere Erfahrungen machen uns nicht schwächer, sondern stärker.“

Am Ende fragte Thomas Ring augenzwinkernd, ob dieser Gottesdienst wohl „ihm da oben“ gefallen habe. „Ganz bestimmt!“, antwortete er selbst – und erntete Applaus.

Kirche soll ein Safe Space sein, ein sicherer Ort für queere Menschen. An diesem Nachmittag in Billerbeck ist genau das spürbar gelungen. Und der Applaus klang ein bisschen so, als wäre dies erst der Anfang.